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1+1=3: ein versuch über die ganzheit

1+1=3: ein ungewöhnlicher titel für eine ungewöhnliche schau. ich möchte das gerne erläutern: was, eigentlich, ist in diesem titel enthalten? ich meine alles.



zunächst sehen sie zahlen, das ist ein grundbegriff in der mathematik. hier sind es primzahlen. aus der zahlendarstellung kennen wir die knotenschrift der peruanischen indianer, das hyroglyphensystem, das milesiche zahlensystem der griechen, das römische undsoweiter. ausserdem: ein pluszeichen: eine addition, also eine der vier grundrechenarten. dann: eine gleichung, das ist eine mathematische aussage, die ein gleichheitszeichen enthält. aus der gleichung lassen sich ableiten gleichnisse: wir finden sie in den legenden, zum beispiel ist die bibel voller gleichnisse, aber auch in parabeln und metaphern, wie man sie in der literatur und poesie wiederfindet, um so durch analogien ihren bedeutungsspielraum zu erweitern. endlich eine summe, das ergebnis einer addition: und hier ist das ergebnis falsch.

plötzlich stehen wir vor den begriffen wahr oder falsch. wahrheit im sinne der formalen logik ist der anspruch einer aussage, wahr zu sein. in der semantischen informationstheorie geht man davon aus, dass eine aussage wahr oder falsch ist. ausserdem kennen wir den ontologischen wahrheitsbegriff: die übereinstimmung des geistes mit dem sein: die erforschung der logik bedeutet die erforschung aller gesetzmässigkeit. und ausserhalb der logik ist alles zufall. wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen fragen beantwortet sind, unsere lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.

wenn ich aber davon ausgehe, dass der satz, das ganze ist mehr als die summe seiner teile, richtig ist, dann kann ich unterstellen, dass 1+1=3 stimmt. diesen unbekannten mehrwert zu finden liegt im ganzen und dem, was wir unter ganzheit verstehen.  wir sind ja davon ausgegangen, die ganze kunst aus göppingen zu zeigen, von künstlern, die hier wohnen, oder hier irgendwann mal gewohnt haben: was uns vereint sind die gemeinsamen wurzeln und individuellen erfahrungen mit dem raum göppingen. alles ist mit allem verbunden. so argumentiert auch die super-string-theorie: es gibt kein zentrum dieser welt. ähnlich schon augustinus, denn gott ist überall. und doch, für einen moment, ist diese ausstellung das zentrum unserer welt. wenn ich sage, die ganze kunst zu präsentieren, ein unmögliches unterfangen, dann steht dahinter der wunsch, alle möglichen fäden, strömungen und richtungen von und nach göppingen aufzuzeigen: die alte suche nach der elementarformel. die künstler wurden gebeten, ein thema in serie, in variationen oder in einem multiplen bild vorzustellen. das thema serie taucht in der kunst immer wieder auf: der parthenon-fries, die tapisserien von bayeux, die holzschnitt-serie von hiroshige „die 53 stationen des tokaido“ oder cezanne’s versuch, den mont saint-victoire immer wieder zu malen: erst in seinen vielen bildern und stimmungen gibt dieser berg sein geheimnis preis: genauer das geheimnis liegt in seiner malerei. 

eins plus eins ist grün. auch das ist eine gleichung, deren ergebnis uns überrascht: wie denn? nun, die antwort ist einfach: sie kommt aus der synästhesie und bedeutet nichts anderes als die fähigkeit, das was man hört zugleich als farbe wahrzunehmen oder eben eine zahl als grün zu sehen. es handelt sich also um eine verknüpfung der sinneskanäle. kandinsky soll synästhetiker gewesen sein, ein gebiet, für das sich die hirnforschung interessiert. nicht zu verwechseln mit den klang-farben-maschinen des bauhauskünstlers hirschfeld-mack, die gleichzeitig farbe und musik produzierten. interessanter erscheint mir die synergetik: die erforschung der prozesse der selbstorganisation von systemen. in der synergie spricht man vom zusammenwirken von faktoren und kräften derart, dass die gesamtwirkung grösser ist als die summe der wirkung von einzelkomponenten. das ist der synergetische effekt, der auch bei dieser ausstellung entstehen sollte, indem alle künstler zusammengeführt werden: wir zeigen unsere welt.

was aber ist die welt? das ist unsere wirklichkeit. eine annäherung: ein angler beobachtet nicht nur seinen korken und den fisch, der vielleicht daran hängt, sondern er betrachtet auch gleichzeitig seine welt. oder nehmen wir den roman des franz. schriftstellers francis ponge „sur la seine“, in dem er das plätschern, die wellen, das ufer, das treibholz des flusses beschreibt, es ist auch eine betrachtung über das leben selbst, wie alles dahinfliesst, das leben ein grosser strom. dann taucht die frage auf: was ist leben? und diese frage kann nur ganzheitlich beantwortet werden. das universum hat einen sinn, teleologisch (das heisst zielgerichet) gesehen: den der ganzheit. schon im buddhismus finden wir ansätze der ganzheit in dem konzept von lila und maya: alles ist tanzende energie. eine erstaunliche parallele übrigens hier zur modernen atomwissenschaft: die kleinsten teile, partikel und quanten, entstehen und vergehen in milliardstel sekunden: alles was du vor deinem auge siehst existiert nur in bruchteilen in kleinsten zeitrhythmen. ganzheit, wie wir sie heute verstehen, war schon vorformuliert durch einen staufer, einem enkel barbarossas, nämlich friedrich II. (1194-1250). er sprach griechisch und arabisch, verband magie, astrologie,  alchemie, religionen und philosophie seiner zeit, führte die algebra ein, gründete universitäten, schrieb das erste wissenschaftliche buch und baute das geheimnisvolle castel del monte. für seine freunde, und er hatte viele, war er der stupor mundi, das staunen der welt.

wie erkennen wir die welt: gibt es eine wirklichkeit hinter der wirklichkeit, die wir nicht sehen können? der vater der chaosforschung, david bohm, bejahte diese frage, er teilt die welt ein in eine explizite und eine implizierte ordung. einer ordung, die sich entfaltet hat und einer ordnung, die noch eingefaltet, nicht sichtbar ist. und beide zusammen bilden ein ganzes. das ist der beginn des neuen pradigmas, erstaunlicherweise ist es aus der wissenschaft entstanden und nicht aus der psychologie. das mechanistische weltbild, alles bewege sich mechanisch wie in einer uhr, hat ausgedient. diesem zweistufenmodell stellt übrigens ken wilber, der begründer der ganzheitlichen psychologie, ein verständlicheres dreistufenmodell gegenüber. ausgehend vom lieblingsgelehrten des mittelalters, bonaventura, man solle die welt betrachten mit den drei augen der erkenntnis, nämlich mit dem auge des fleisches, mit dem auge der vernunft und mit dem auge der kontemplation. gemeint ist dabei: mit dem auge des fleisches, die sinnliche wahrnehmung, das ist die welt der fakten und zahlen, eben der wissenschaft. ihre sprache ist monologisch. mit dem auge der vernunft ist gemeint die welt der sprache, der philosophie, psychologie und der phänomenologie. ihre sprache ist dialogisch. mit dem auge der kontemplation ist gemeint, die welt zu betrachten mit meditation. auch der tiefenökologie. das ist die innere schau, die stille erfahrung. so erst wird der erkenntnisvorgang ganzheitlich. wilber übrigens prägte auch die entsprechenden entwicklungslinien in der psychologie: vom präpersonalen (frühkindliche prägungen, ich und libido des sex-fixierten freud),  zum personalen (ich und mein körper, gemeint sind bodyenergy, charakterpanzerungen, wilhelm reich, alexander lowen u.a.) bis hin zur heutigen transpersonalen schau: ich bin für mich verantwortlich, für meine umgebung, für mein universum.

wenn wir von welt sprechen, müsste man auch von den weltbildern reden: einer entwicklung, unter der wir alle stehen, die uns beeinflusst: und umgekehrt so unsere welt betrachten. heute ist es gang und gäbe, dass jeder sich sein eigenes weltbild bastelt, das herauszieht was ihm gefällt und sei es der komplette unsinn. ein standpunkt der postmodernen revolution ist der, dass verschiedene weltanschauungen gleichzeitig existieren mit pluralistischen interpretationen: es gibt so viele weltanschauungen wie es einzelpersonen gibt. anything goes. die dekonstruktivisten (derrida) sehen nirgendwo echte bedeutung, nur verschachtelte täuschungen. gewiss, das führt zur beliebigkeit, in eine postmoderne ermattung, in die ironie als der grosse vereinfacher: statt einen standpunkt zu vertreten. das ist bedeutend schwieriger...

wie entstehen eigentlich bilder in unserem gehirn? nun, wir sind es gewohnt, von uns ein mentales selbstmodell zu haben, ein inneres bild, das eine person von sich selbst und seiner umwelt erzeugt. das selbstmodell ermöglicht dem organismus, ein gehaltvolles abbild der realität zu erzeugen: doch es bleibt nur ein modell und das ich somit eine illusion. so überlebt der mensch als ein niemand, der glaubt ein jemand zu sein. sein oder nichtsein ist keine frage mehr, das ist die welt hinter deinen augen: sie ist leer. das heisst aber auch, dass wir einer täuschung unterliegen, einem modell, das die datenverarbeitung im gehirn von uns selbst, aus sich selbst erzeugt. das bild der wirklichkeit in unserem gehirn ist gar kein bild, sondern, wie der gehirnforscher pribram sagt, ein hologramm, gebildet aus interferenzmustern, die der betrachter wahrnimmt.

das leben entstand über bakterien, gärung, photosynthese, atmung und der erfindung der drehmechanismen für schnelle bewegungen. das leben hat den erdball nicht durch kampf erorbert sondern durch vernetzung. genau durch symbiogenese. darauf haben vor allem hingewiesen james lovelock und lynn margulis in ihrer gaia-hypothese: die erde ist ein lebender organismus, und, wenn sie schon so intelligent ist, muss sie auch bewusstsein haben (gregory bateson). jedes auf der erde vorkommende system hat drei grundmelodien: muster, struktur und prozess. muster verweist auf autopoiese, das prinzip des selbermachens, das ist die selbstorganisation, struktur auf die dissipativen strukturen fern vom gleichgewicht (nach prigogine), und prozess auf die kognitive fähigkeit jeder einzelnen zelle, erkenntnis zu gewinnen: selbst der einfachste organismus, eine amöbe, kann licht erkennen. der prozess ist die verbindung zwischen muster und struktur. so kann geist, bewusstsein und gedächtnis entstehen. der geist ist kein klumpen im gehirn, sondern ein prozess des lernens (santiago-theorie nach maturana und varela). die sprache der natur ist eine sprache der beziehungen.

ein besonderes merkmal lebender systeme ist übrigens auch die errichtung einer grenze, die das system als einheit definiert. jede bakterie, jede zelle , jeder mensch hat seine grenze. nur wir menschen können reflektieren über unsere grenzen, über das bewusstsein frei zu sein von grenzen. auf einer bestimmten komplexitätsebene koppelt sich ein lebender organismus nicht nur an seine umgebung sondern auch an sich selbst – und bringt dadurch eine welt hervor. beim menschen ist die hervorbringung einer inneren welt, unserer realität also, mit sprache, mit denken, mit bewusstsein verbunden. was wir hervorbringen ist nicht die welt sondern lediglich eine welt, ich meine...du deine...durch identische strukturen bringen wir eine ähnliche welt hervor, die wir in der abstrakten welt der sprache miteinander teilen. wir werden unserer innenwelt bewusst – wir wissen dass wir wissen. bewusstsein ist also auch selbstbewusstsein. wir sind umgeben von netzwerken, ja wir sind selber ein netzwerk, wir denken nicht nur mit unserem gehirn sondern auch mit unserem körper. die welt da draussen und die welt die wir in uns sehen, sind im begriff zu konvergieren: einer der bedeutendsten vorgänge unserer zeit.

das führt mittenhinein in eine mytholgische dimension der kunstbetrachtung, wie sie zb. joseph campbell angewandt hat bei seinen forschungen über primitive jäger und sammler: danach hat die mythologie die wesentliche funktion im individuum einen sinn für das staunen, die wunder der erde zu wecken, aber auch den menschen teilhaben zu lassen am letztlich umbeschreibbaren mysterium des lebens.

die mythen entstanden auf der ganzen erde durch themen und motive, die augenscheinlich universell sind – durch elementargedanken. eine weitere funktion der mythologien sind, das individuum harmonisch durch den kreislauf des lebens zu führen, von der geburt, über die jugend, das alter und bis in den tod. die methode der mythologie ist immer poetisch, in die form einer analogie gekleidet. ja so könnte man auch sagen über die kunst: malerei ist die schaffung einer analogie zum unanschaulichen und zum unverständlichen. abstrakte bilder sind fiktive modelle, weil sie eine wirklichkeit veranschaulichen, die wir weder sehen noch hören können.

dass in einem kunstwerk wahrheit erfahren wird, die uns auf keinem anderen wege erreichbar ist, macht die philosophische bedeutung der kunst aus. die erfahrung des kunstwerks schliesst verstehen ein, ist also selbst ein hermeneutisches phänomen (hans-georg gadamer). hinzukäme die auslegung (interpretation) und die anwendung (integration) im täglichen leben: kunst nicht nur als bereicherung, sondern existenzielle notwendigkeit. die aufgabe der kunst ist nicht mehr die darstellung der naturideale, sondern die selbstbegegnung des menschen in natur und menschlich-geschichtlicher welt. die ästhetik wird damit zu einer geschichte der weltanschauungen, dh. zu einer geschichte der wahrheit, wie sie im spiegel der kunst sichtbar wird.

bedeutung ist kontextabhängig und kontexte sind grenzenlos. um ein kunstwerk in seiner bedeutung zu sehen, muss man den kontext verstehen, in seiner zeit, in  dem das kunstwerk entstanden ist. jeder kontext ist ein ganzes und als solcher teil eines anderen ganzen. jeder umfassendere kontext bringt eine neue bedeutung hervor, wirft eine neues licht auf das werk und konstituiert es damit neu. die postmoderne hat daraus abgeleitet, dass wahrheit alles ist was einem passt  - und ist damit in eine schwammige nihilistische auffassung geschlittert: durch einen endlosen mix des spielers und der spielerischen mittel. eine integrale kunstinterpretation wäre eine mehrdimensionale analyse der verschiedenen kontexte, in denen kunst existiert und zu uns spricht: im kontext des künstlers, des kunstwerks, des betrachters und der welt.

auf der suche nach dem ganzen. alles was ist das ist: das ist die wirklichkeit: das zeigt uns gleichzeitig die schwierigkeit sie zu beschreiben: ein beispiel: wie, bitteschön, sollte ein fisch im ozean einer versammlung anderer fische etwas über das meer erzählen? er müsste aus ihrer wirklichkeit austreten, und sich über sie stellen: ein paradoxon. vielleicht hätte ich es einfacher sagen können: auf der suche nach glück und sinn. dazu ein letztes gleichnis: wenn du mit deinen männern die see befahren willst, dann lasse sie nicht nur das schiff bauen, sondern wecke in ihnen die sehnsucht nach dem unendlichen weiten meer (saint-exupery). wir 21 künstler und künstlerinnen dieser ausstellung sitzen alle im selben boot. jeder von uns hat seine eigene antwort, seine eigenen lebenserfahrungen, seine sicht der dinge, seine weisheit und auch sein eigenes vokabular: das ist gut so, das macht die ausstellung auch so spannend. wohin die reise geht wissen wir nicht. wir alle haben das gleiche ticket mit dem aufdruck künstlerleben. we may lose we may win.  

um sie vollends ganz zu verwirren (mein letzter versuch) möchte ich ihnen  mit den tanzenden wu-li-masters zurufen:

wirklichkeit ist, was wir als wahr annehmen,
was wir als wahr annehmen, ist was wir glauben,
was wir glauben, fusst auf unserer wahrnehmung,
was wir wahrnehmen, hängt davon ab, was wir suchen,
was wir suchen, hängt davon ab, was wir denken,
was wir denken hängt davon ab, was wir wahrnehmen,
was wir wahrnehmen, bestimmt was wir glauben,
was wir glauben, bestimmt was wir für wahr halten,
was wir für wahr halten, ist unsere wirklichkeit.

bruno demattio






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