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ich bin der wind – und du bist das feuer
- rauchzeichnungen und endogene bildmuster -

ausstellung im schloss filseck/uhingen von bruno demattio vom 26.11.2004 – 16.01.2005

ich bin der wind und du bist das feuer: ein ungewöhnlicher titel für eine ausstellung.
wind ist im wesentlichen in horizontaler richtung bewegte luft und entsteht als folge des ausgleichs von luftdruckunterschieden in der atmosphäre. windenergie positiv gesehen: energie die uns, wie bei den windkraftwerken,  zur verfügung steht, oder negativ gesehen, energie die uns, wie beim orkan lothar, erschlägt .

unter feuer versteht man zunächst die verbrennung mit flammen und/oder glutbildung. das feuer kam erst spät in der stammensgeschichtlichen entwicklung des menschen in gebrauch. die kontrollierte verwendung und erzeugung des feuers bildeten einen der entscheidenden schritte der kulturellen entwicklung des menschen. in der antike gehörte feuer zu den vier elementen. im militärischen sinne ist feuer das hauptelement des bewaffneten kampfes – und vor allem bei edelsteinen und kristallen meint feuer das farbenspiel. im religiösen sinne als göttliche macht verstanden. das feuer besitzt einen ambivalenten charakter : es ist eine zerstörende, aber auch reinigende grösse.



 

und doch stelle ich weder windharfen oder windrosen, keinen windkanal keine windpocken keine windjammer und keine keramik der windmill-hill-kultur vor: das wäre die älteste keramik der neolithischen kultur auf den britischen inseln (2. hälfte des 4 jt. vor ch.). aber auch keine feuerameisen aus feuerland, keine feuerleitern der feuerwehr und keine feuerschwämme, die in einem feuerwerk die feuertaufe erhalten. 

könnte es sein dass die sprüchwörter und weisheiten des volksmundes uns weiter helfen? sofort entsteht ein ganzes panorama des lebens, wind und feuer in allen erdteilen in aller munde in allen sprachen:

brunze nicht gegen den wind (deutsch)
dem wind + dem narren lasse seinen lauf (deutsch)
fehlt es an wind so greife zum ruder
wo viel wind ist da ist viel staub
wer wind sät wird sturm ernten
gegenwind macht den menschen weise
der wind das einzig freie in der zivilisation (elias canetti)

alle religion ist feuerkult (oswald spengler)
das leben gleicht dem feuer es beginnt mit rauch und endet mit asche (arabisch)
dem feuer ist es gleichgültig wessen mantel es anbrennt (dänisch)
der mensch ist das einzige lebewesen, das feuer machen kann, und das hat ihm die herrschaft über das leben gegeben  (antoine comte de rivarol)
man soll das feuer in seiner seele nie ausgehen lassen, sondern es schüren (van gogh)
wer in frieden zu leben wünscht muss feuer in der einen und wasser in der anderen hand tragen (slowakisch)
wohltätig ist des feuers macht (schiller, das lied von der glocke)
ein gebranntes kind scheut das feuer bis zum nächsten tag (mark twain)
feuer wasser + regierungen kennen keine gnade (albanisch)
in meinen adern welches feuer in meinem herzen welche glut (goethe)
feuer fängt mit funken an (deutsch)
feuer + wasser kenen kein erbarmen (chinesisch)



 

ich habe umschreibungen gemacht, annäherungen an das thema und  doch nicht die richtigen worte gefunden: sie liegen im literarischen sinne ganz im satze selbst: ich bin der wind und du bist das feuer: das ist das grosse epos in dichterischen versen des dichters rumi, aber auch, kurz gesagt, das ganze geheimnis der liebe... das ist die erkenntnis, die zusammenfassung über das leben und das werk des grossen mystikers der islamischen welt: Maulana Dschelaladdin Rumi (1207-1273). er wird als der grösste mystische dichter des islam bezeichnet. er ist auch begründer einer religion der ekstase, des noch heute lebendigen ordens der tanzenden derwische. des mevlana-ordens. jede grosse religion hat ihre dogmen, den exoterischen weg, aber  immer auch den weg nach innen, den esoterischen weg: den mystischen weg, den weg der erleuchtung. schon die alten griechen beschrieben die eleusinischen mysterien, in der  christlichen mystik finden wir meister ekkehard, jakob böhme oder theresa von avila, im buddhismus ist es der tantrische weg, bei den naturvölkern die naturmystik, im japanischen der  weg des zen. im islam ist es der weg des sufi. alle diese wege gleichen sich: sie alle führen zu dir selbst.



 

das zentrale bild eines tanzenden derwischs: der tänzer dreht sich ständig mit halbgeschlossenen augen um die eigene achse. eine handfläche, die der rechten  hoch gehaltenen hand, ist nach oben geöffnet, die linke hand nach unten gestreckt, symbolisierend den durchlauf der göttlichen energie von der erde zum himmel - und vom himmel empfangend zurück zur erde. ein derwisch kann sich stundenlang immer um die eigene achse drehen, der raum aussen immer weniger wahrnehmbar verschwindet und zurück bleibt das bewusstsein des inneren ruhenden pols. so jedenfalls empfand ich meine eigenen erfahrungen des sufi-tanzes.

zu diesem thema eine ausstellung zu machen, hat mich schon immer gereizt: jetzt es soweit – noch dazu wissend, dass dieses haus, das schloss filseck ja den flammen des feuers zum opfer fiel und erst vor ca. 10 jahren wiederaufgebaut wurde. genau genommen finden sie im ostflügel eine grössere serie von kleineren arbeiten, alle 28 x 28cm, aquarelle + kohle auf karton – mit genau dem titel: ich bin der wind und du bist das feuer. malerische notizen, kurze zeichen mit farbe + kohle, leichte hingeworfene blätter, so wie der wind mit dem feuer spielt... .



 

den grösseren teil der ausstellung widme ich einem ähnlichen, aber anderen thema, den rauchzeichnungen. vielleicht haben diese blätter mit rumi etwas gemeinsam, ich meine sie erinnern an die arabische kalligraphie, wenn man sie zb. vergleicht mit einem in arabisch geschriebenen vers von rumi - und doch sind es selbständige arbeiten in einer selbständigen technik, nur mit kerzenrauch gefertigt.
natürlich verkündet der voksmund auch hier über den rauch seine weisheiten, zum beispiel:
entzünde an 7 stellen feuer und es wird an 8 stellen rauchen (chinesisch)
kein rauch ohne feuer (deutsch)
je mehr der rauch aufsteigt je mehr verfliegt er (deutsch)
rauch selbst entsteht bei der verbrennung von festen, flüssigen und gasförmigen brennstoffen, und ist ein gemisch aus gasförmigen substanzen wie kohlendioxid, wasserdampf, schwefeldioxid, methan oder wassserstoff. auch hier gilt: es ist keine ausstellung über rauchschäden, über die dadurch entstehende verkalkung der herzkranzgefässe oder atemwegsschädigungen, auch keine über rauchende schwefelsäure oder fliegende rauchschwalben, auch nicht über das raucherbein rauchtopas oder das räuchern von schweinelenden. in der arbeitswelt wird gefordert, dass man die rauch- und teepausen vom gehalt abziehen sollte, auch das kann mich nicht interessieren. sondern nur die frage: kann man mit rauch kunst produzieren? ja. gewiss.



 

in der modernen aktuellen kunst gab es immer wieder künstler die sich mit dem thema feuer befassten. so hat yves klein in den 70ern feuerbilder produziert, ebenfalls sein landsmann bernard aubertin, einer meiner freunde, aber auch die gruppe zero aus düsseldorf, allen voran otto piene. es gibt ein flammenbild von jannis kounellis in der stuttgarter staatsgalerie, mit einem bunsenbrenner an die wand gebrannt. meine ersten rauchbilder entstanden 1964, die ich zu meiner ersten ausstellung im museo canario auf las palmas produzierte. in dieser ausstellung, alle rauchbilder entstanden in den letzten zwei jahren, berührt mich ganz besonders ein thema, nämlich das der endogenen bildmuster.

wie sie alle wissen, leben wir hier auf bedeutendem geschichtlichen grund: es gibt das urweltmuseum in heumaden mit den grossartigen fossilien, erst vor kurzem fand man in eislingen 7 wohlerhaltene ichthyosaurier, circa 300 millionen jahre alt.



 

der bedeutendste fund ist wohl der löwenmensch vom lonetal, gefunden im felsmassiv hohlenstein bei ulm, circa 32 000 jahre alt: die älteste von menschen produzierte plastik, eine elfenbeinschnitzerei, die ein mischwesen aus löwe und mensch darstellt. aber nicht weniger bedeutend sind die funde im hohlen fels, einer höhle bei schelklingen. dort fand man zb. eine 35 000 jahre alte flöte aus dem knochen eines schwanenflügels, das älteste musikinstrument der menschheit – aber auch andere bedeutende funde wie kleine plastiken von tieren.
und alle diese prähistorischen teile, töpferwaren, schmuckstücke, kleinplastiken, haben ein ganz besonderes merkmal: sie alle sind ausgestattet mit kerben, punkten, mustern...wenn sie zb. ihre augen reiben und in die sonne schauen, entstehen flimmernde tanzende lichterstäbchen: phosphene. wenn man dieses grafische phänomen genauer untersucht (das haben zb. die professoren eichmeier und höfer von der TU münchen in den 70ern gemacht) kommt man zum ergebnis, dass es ganz besondere im menschen eingegrabene bildmuster sein müssen. bei ihren untersuchungen der gesamten felsbildmalereien, die es auf der erde gibt (die ältesten sind die der aboriginees mit 65 000 jahren), ob es sich nun um die bilder der chauvet-höhle in frankreich, der ältesten europäischen felsbildmalerei mit 32000 jahren, jünger sind die bilder der höhlen von altamira und lascaux, oder den felsbildern in schweden, ja überall in europa, im algerischen atlas-gebirge,  in der kalahari-wüste, in kasachstan oder in patagonien handelt: sie alle tragen dieselben merkmale, diese endogenen bildmuster, auch phosphene genannt,  obwohl die menschen damals ja keine kommunikation untereinander auf diese entfernungen hatten.
doch wie kommen wir zu diesen mustern?
die subjektiven lichterscheinungen müssen also schon frühe menschen empfunden und gesehen haben. hypnagoge (halbschlaf-) lichtmuster wurden schon vor 150 jahren beschrieben von johannes müller und auch purkinje, doch erst eichmeier+höfer haben diese muster auf 16 kategorien eingeteilt: pünktchen, striche, dreiecke, bogen, kreise, vierecke, spiralen, fischgrätmuster, wellen, zacken, gitter und radialsymetrische muster.
sie bauten  verschiedene versuchsreihen auf: sie konnten die phosphene zb. optisch erzeugen (mit hilfe einer milchglasscheibe vor dem auge, die mit lampen bestrahlt wurde), auch elektrisch angeregte phosphene, in dem elektroden mit einer niederen frequenz von 10 bis 70 hertz an die schläfen angeschlossen wurde – ja sogar elektromagnetisch, in dem magnetspulen  in die nähe der schläfen gebracht wurden , haben zur auslösung der bildmuster geführt. nicht verwunderlich auch, dass die forscher herausfanden, dass selbst LSD oder mescalin zu diesen phosphen-erscheinungen anregt, also der chemisch-toxische versuch.
ein weiterer interessanter aspekt kommt hinzu: diese endogenen bildmuster erscheinen vor allem auch in kinderzeichnungen von 2-6 jährigen auf der ganzen welt – und haben vieles gemeinsam mit den felsbildmalereien. ein phänomen! das fand vor allem rhoda kellog in seinen untersuchungen heraus:
kinder, unabhängig von ihrer ethnischen, geographischen oder kulturellen herkunft bedienen sich alle derselben elementarzeichen. aus den kritzelfiguren entwickelt das kind mit zunehmendem alter kompliziertere objekte wie sonne, häuser, tiere und blumen. es zeichnet nicht das, was es sieht, sondern das was es weiss. kellog nennt diese figuren, die aus engrammen  des gehirns hervorzugehen scheinen, „biological art“.



 

eine weitere besonderheit: viele dieser muster erscheinen in ausgeprägter form auf den berberteppichen: sie sahen in den symbolen magische kräfte: so wird die raute, das ursprünglichste motiv der berber zum schutz gegen böses eingesetzt. gekreuzte linien stellen den vogelfuss dar, wir finden zick-zack-motive ebenso wie die säge, das auge, die finger, die nase, gerste und samen. auch baummotive, schachbrettmuster, spinne und schildkröte. von da ist es nicht mehr weit zur modernen malerei: wer kennt nicht „strasse mit zypressen“ von vincent van gogh, mit strichen, kreisen, wellenlinien und spiralen. wer kennt nicht die garten-blumen-und teichbilder von claude monet mit ihrem pinselfleckgefüge. oder die feinstrukturierung mit punkt-strich-und vielfachmustern auf bildern von seurat, renoir, pissaro , signac, picasso, miro, kandinsky, klee. ja die moderne malerei ist voll davon.

ein amerikanischer forscher, robert bednarik, spricht von den universals in art- da diese erscheinungsformen auf der ganzen erde auftreten, auch ohne jede kulturelle verbindung untereinander, muss es einen link geben in unserem visuellen system, in unserem gehirn. eine annäherung an die interpretation der universals liefert die semiotische studie (bedeutung der zeichen und signale) über die rock-art. welche beziehungen untereindander diese motive haben, wäre die aufgabe einer semantischen studie (bedeutung von wörtern).

doch heute wissen wir, dass der menschliche sehapparat selbst als phosphen-generator dient- und der ist bei allen menschen derselbe: das auge und das gehirn. der  wichtigste teil des auges ist die retina, die netzhaut. das einfallende licht muss verschiedene zellschichten passieren bevor es auf die stäbchen (hell-dunkel-effekte) und zäpfchen (reagieren auf wellenlänge, also farben) trifft. die stäbchen häufen sich an der retinalen peripherie, die zäpfchen konzentrieren sich im zentrum, wo sich auch der ort der grössten sehschärfe, die fovea centralis, befindet. die retina enthält einen teil des musterbildenden mechanismus, ein komplexes nervöses system, das einen grossen beitrag zu informationsverarbeitung der optischen reizmuster leistet. ihre belichtung löst biochemische reaktionen aus, sie veranlassen den zellkörper, ein rezeptorpotential auszubilden. die geometrisch geformten lichtmuster strukturieren sich aus einem anfänglich formlosen flimmern. das ungeformte flimmer-phosphen bildet demnach eine art matrix für lichtmuster. um den blinden fleck herum entstehen radialsymetrische muster- und zwischen dem blinden fleck und der fovea centralis entstehen durch ein interferenzfeld geometrische muster. über die sehbahn (nervus opticus) werden die informationen vom auge an die grosshirnrinde (cortex)  weitergeleitet, genauer in die sehrinde, auch area striata genannt. das zentrale projektionsgebiet. dort erst sehen wir die muster, die in der retina entstehen. soweit zur psychophysiologie des sehens und zur entstehung der endogenen bildmuster– was aber hat es mit meinen rauchzeichnungen zu tun?

die lapidare antwort darauf lautet: eigentlich wenig. ich selbst habe keine eigene versuchsreihe aufgebaut um diese bildmuster in mir zu erzeugen. und doch sehe ich verwandtschaften und ähnlichkeiten mit dem ganzen spektrum dieser zeichen. während der produktion meiner bildserien sah ich mich selbst als ein höhlenmensch mit der kerze in der hand auf die weissen blätter meine signale schreibend. manchmal ganz bewusst in gitterformationen, geplant, manchmal einfach dem spiel der noten freie hand lassend, tanzend zu meiner eigenen musik oder der eben eingelegten cassetten von philip glass, ravi shankar, phil coulter, deep forest oder indian  summer,  ja, auch patti smith`dream of life oder büdi siebert`s wild earth und paul simon`s graceland gaben mir den rythmus vor, um in kleinen zeitlichen abständen meine rauchende kerze mit der kleinen flamme über das papier zu bewegen: siehe da aus den linien entstanden muster pünktchen gitter und noch viel  mehr.....
diese rauchzeichnungen sind bewusst umrahmt von wenigen grossformatigen fotos von sogenannten „standing stones“, aus einer fotoserie stammend, die ich damals in england produzierte über die ley-lines (beschrieben 1922 von alfred watkins). an den kreuzungen dieser linien, die sich übrigens quer durch europa ziehen auf denen der erdmagnetismus am höchsten ausschlägt, haben die kelten ihre steinkreise gebaut, der bekannteste ist stonehenge- aber auch ein einzelner stehender stein an diesem ritualplatz verleiht magie, kraft und bewusstsein. zeugnisse einer untergegangenen kultur – gewiss, doch ebenso sicher ist: das wissen darum ist noch heute lebendig.....

bruno demattio, geislingen, 17.11.2004






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