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more or less, 100 x 100 cm
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über wachsobjekte und fuzzy-logic: zusammenhänge

ich möchte hier eine serie von arbeiten vorstellen, die ich zur objektkunst zähle: objekte mit wachs. was aber ist objektkunst? nun, die definition besagt, dass es eine besondere ausdrucksform der modernen Kunst ist, angesiedelt zwischen plastik und malerei. an stelle der abbildung des gegenstandes wird dieser selbst präsentiert oder in ein kunstwerk einbezogen. dazu gehören arbeiten, die nicht nur von einem vorgefunden objekt (objet trouve) ausgehen, sondern auch relikte einer aktion, ebenso gehören dazu auch ready-mades, collagen, combine-painting, environment und rauminstallationen.

die anreger der objektkunst waren vor allem die surrealisten, allen voran max ernst mit seinem erfindungsreichtum, man ray mit seinen objekten, marcel duchamps mit seinen installationen und ready mades, aber auch francis picabia mit seinem mixed-media stil, vorgefundenes auf seinen tableaus zu montieren. objektkunst heute: ein riesiges laboratorium der verschiedensten ideen, räume + installationen zu bauen: von der überdimensionalen land-art (walter de maria und michael heizer) zu den geheimnisvollen lichträumen eines james turrell bis zu den eigenwilligen-magischen objekten des verstorbenen freundes michaell buthe, mit dem mich am meisten verbindet.



 
Bodensee, 100 x 100 cm
Bodensee, 100 x 100 cm

meine ersten ausstellungen in den 60ern bestritt ich mit kinetischen arbeiten, ich nannte sie alle objekte. mein beitrag zur op-art waren glasstäbe oder glasröhren mit wasser gefüllt vor geometrischen strukturen. im grunde also rein konstruktivistische arbeiten, die immer einer rationalen ästhetik folgten. ich fand das dann unbefriedigend, auch weil die damalige zeit der 60er einfach neue wahrnehmungen, erfahrungen, neue ziele und viele umwälzungen brachte. die politischen alternativen strukturen interessierten mich ebenso wie die flower-power-bewegung. ein zentrales thema tauchte auf: DIE SUCHE – nach dem woherwohinwarum. ich machte damals aktionskunst, performances und videokunst. 1973 wurde ich mitglied der londoner super-8-group. nebenher produzierte ich, und das bis heute, objekte, die sich selbst immer wieder veränderten. meine ganze aufmerksamkeit galt den frühen kulturen, allen voran den indianischen. mein sohn, 1973 in london geboren, erhielt den namen hopi. die objekte damals hatten eindeutig indianischen charakter. materialien wie rinde, gräser, erde, steine, federn fanden sich auf meinen objekten. ein autor der mich faszinierte war carlos castaneda, das früheste objekt dieser ausstellung (1973) trägt tatsächlich den titel „auf der reise nach ixtlan“.

später wurden diese objekte auch farbig und mutierten schliesslich zu selbständigen skulpturen. noch heute kann man an fast allen meinen objekten ein endogenes bildmuster ablesen. professor eichmeier und prof. knoll von der TU münchen haben diese muster in den 70ern zum erstenmal wissenschaftlich untersucht und 14 verschiedene kategorien gefunden. auf fast allen meinen objekten tauchen diese muster auf: vierecke, kreise, spiralen, reihungen, schraffuren, grätenmuster usw. in 4 wochen mache ich eine spezielle ausstellung zu diesem thema: rauchzeichungen und endogene bildmuster, im schloss filseck in uhingen. selbst in meinen fotoinstallationen und fotoserien kann man diese merkmale finden. natürlich sind sie auch vorhanden in der rockart, den cavepaintings ebenso wie in kinderzeichnungen auf der ganzen erde.

meine arbeitsweise vervielfätigte sich enorm, ich bezog 1983 ein grosses studio in ebersbach, das ich heute noch habe. damit konnte ich auch grosse malereien produzieren, auf papier, leinwand oder auf glas. immer aber auch objekte. mit den verschiedesten materialien, bevorzugtes material waren die gefundenen von irgendeinem strand: ein ort der mich wie magisch immer wieder anzog. die hopi-indianer haben einen besonderen ausdruck dafür: PASU, where land meets water. . so benützte ich steine, muscheln, schnecken, knochen, äste, schnüre, gummis, fischernetze, scherben, verrostete eisen+blechteile und angeschwemmtes plastikmaterial....manche dieser grundmaterialien finde ich im wald oder auf meinen wanderungen...selbstfinden ist mir ein wichtiger zugang: verpönt sind sperrmüll oder trödelläden. die objekte erzählen deshalb ihre eigenen geschichten...

das ebersbacher museum ist natürlich viel zu klein, um alle diese verschiedenen arbeiten zu zeigen. ich habe mich entschlossen, für diese ausstellung nur objekte mit wachs zu zeigen, mal sind es die reinsten wachsobjekte, manchmal haben sie nur wenig wachs – aber es ist das eine material das sie alle verbindet.

wachs gibt es in verschiedenen zuständen, als bienenwachs, kerzenwachs, hartwachs, paraffin, schmelzpunkt ist ca. 68 ° C, es kann mit fettfarben verarbeitet werden , die pigmentpalette ist ziemlich gross, ja man kann die farben mischen und so entstehen auch neue töne. ich verzichte an dieser stelle auf konkrete beschreibungen der einzelnen objekte, ich vertraue darauf, dass der betrachter sie lesen kann. was mich an wachs aber besonders interessiert, ist das material selbst: das weiche, feste, harte, fuzzige. was hat das material mit weltanschauungen zu tun? ich glaube schon es gibt einen ästhetischen unterschied ob ich beton oder licht benutze. weich oder hart schwarz oder weiss falsch oder wahr : damit zur alten philosophischen frage was ist wahrheit? wahrheit bezieht sich auf aussagen, die wir machen: damit wird sie zu einem problem der sprache.

erst vor 2 wochen starb jacques derrida, der erfinder des dekonstruktivismus. seine lehre bestand vor allem darin, dass er behauptete, es gäbe nicht nur eine wahrheit. vieles könnte gleichzeitig wahr sein. texte können so lange zerlegt werden, bis sie keine eindeutige interpretation mehr zuliessen. das pluralistische, das disparate und das zufällige stehen im einklang mit seinen thesen. es gibt soviele weltanschauungen wie es einzelpersonen gibt. es gibt keine wahren interpretationen mehr. das mag zu einer bilderflut führen, gewiss, bis hin zur banalen bildgestaltung, ja hin zum kitsch. philosophisch gesehen jedoch immerhin eine fuzzige antwort auf die welt wie wir sie finden....

erforschung der logik bedeutet die erforschung aller gesetzmässigkeiten und ausserhalb der logik ist alles zufall. das war der standpunkt der zweiwertigen logik, ausgehend von aristoteles, bis heute. entweder vollständig wahr oder gar nicht, schwarz oder weiss, 1oder 0. dabei sind die aussagen doch eine frage der abstufung, der alle tatsachen unterliegen. tatsachen sind immer unscharf, vage, ungenau bis zu einem bestimmten grad oder eben “fuzzy“. heute haben wir eine grosse anzahl von geräten und produkten, die mit fuzzy-logic arbeiten. dabei werden nicht zahlen wichtig sondern eher substantive wie temperatur, veränderung, fliessen, geschwindigkeit, druck usw. nicht nur camcorder, der autofocus, die waschmaschine, die regelung des verkehrs, das antiblockiersystem,der mikrowellenherd oder klimaanlagen unterliegen den fuzzy-steuerungen, fuzzy-logic ist heute eine weltanschauung. sie betrifft kultur, philosophie ebenso wie wissenschaft und mathematik. im mittelpunkt steht der paradigmenwechsel von schwarzweiss nach grau in allen abstufungen – von der zweiwertigkeit zur vielwertigkeit.

fuzzy-logik beginnt, wo westliche logik am ende ist... fuzzigkeit hat in der wissenschaft einen namen: vielwertigkeit oder multivalenz. das gegenstück dazu ist bivalenz oder zweiwertigkeit. das unbestimmtheitsprinzip von heisenberg besagt, wenn man einige grössen genau misst, dann kann man andere grössen nicht ebenso genau messen. es besagt weiter, dass wir es mit einer dreiwertigen logik zu tun haben: aussagen können wahr, falsch oder unbestimmt sein.der polnische logiker jan lukasiewicz war um 1920 der erste, der die unbestimmte mitte in viele stücke zerlegte und so eine vielwertige logik zum erstenmal vorstellte. der ausdruck fuzzy tauchte 1965 zum erstenmal auf, als lotfi zadeh, ein iranischer professor in berkeley einen text mit dem titel „fuzzy sets“, fuzzige mengen, vorstellte.

fuzzy-logik beschreibt wissenschaft als genauigkeit. und dies ist offensichtlich eine frage der abstufung. die zwar präzisen aber künstlichen aussagen der mathematik sind stets zu 100 prozent genau oder zu 0 prozent genau. aussagen über die welt weisen genauigkeitswerte zwischen diesen beiden extremen auf.

einstein: ein logischer beweis unterscheidet sich von einem empirischen oder wissenschaftlichen test. wenn man nachweisen kann, dass eine aussage hundertprozentig wahr ist, dann beschreibt sie die welt nicht. wenn sie die welt beschreibt, dann kann man sie nicht beweisen. man kann nur etwas mathematisches oder logisches beweisen, kohärente dinge in einem willkürklichen formalen system aus selbstgemachten regeln. das weist auf eine leere hin. man kann nur tautologien oder logisches wahrsein beweisen – regen ist regen oder A ist A.

das gras ist grün, vorausgesetzt, dass gras grün ist. es gibt aber auch gelbes und braunes gras. ist es zu 85 % grün, dann wird aufgerundet und gesagt es sei grün. also gibt es hier eine ungenauigkeit., eine fuzzige aussage. ungenauigkeit durchdringt die wissenschaft.

wer spricht vereinfacht, wer vereinfacht lügt. es kann keine aussage geben, die schlechthin wahr ist, jede aussage hat voraussetrzungen, die sie nicht aussagt.

sorites-paradoxien tauchen überall in der welt auf. eingeführt von cicero, zurückgehend auf die aporien von zenon : bei welchem wieviel beginnt ein haufen? man betrachte einen haufen sand. man nehme ein sandkorn weg. ist es noch ein haufen? ja. man fahre fort , sandkörner zu entfernen. der haufen hat sich zu einem nichthaufen gewandelt. sorites meint eine logische kette wenn A dann B, dann C usw. bis Z. so dass der erste term den letzten impliziert. diese beispiele lassen sich natürlich vervielfältigen: wann wird ein mann mit ca. 100 000 haaren zum kahlkopf, wenn ich jedesmal ein haar ausrupfe. wo beginnt der übergang vom nichtkahlkopf zum kahlkopf? wann stirbt ein gehirn, wenn jedesmal eine zelle stirbt? wann beginnt der inzest, wenn du den zeh deiner mutter berührst, das knie oder weiter nach oben? ist ein glas halbvoll oder halbleer, sind die kunden zufrieden oder unzufrieden?...

von zenon stammt auch die paradoxie: alle kreter lügen..und er fragte, ob alle kreter lügen. wenn es gelogen war, was er sagte, dann log er nicht. er sagte die wahrheit, wenn es nicht gelogen war, dann log er. er schien gleichzeitig zu lügen und nicht zu lügen.

oder eine weitere paradoxie mit dem satz: keine regel ohne ausnahme. das ist eine regel. hat sie eine ausnahme? wenn das nicht der fall ist, kann sie keine regel sein. wenn sie aber ausnahmen hat, dann gibt es regeln ohne ausnahme und damit bestreitet sie sich selbst. sie ist zugleich wahr und falsch.

manche mögen bertrand russel als den grossvater der fuzzy logik betrachten. sein paradoxon handelt von mengen , die aus mengen bestehen. kästen voller kästen. gleichzeitig A und nicht-A. das war damals ein skandal in der mathematik. heisenberg entdeckte ebenfalls in dieser zeit das unbestimmtheitsprinzip. uncertainty principle. umso näher wir einen gegenstand betrachten, umso unschärfer wird er. das geschieht vor allem in der quantenmechanik. russel und heisenberg haben zuerst die zweifel an der zweiwertigen logik des aristoteles geweckt, die ja nichts anderes besagt, dass die welt entweder wahr ist oder falsch. der himmel ist blau oder er ist nicht blau. der glaube an die binäre logik, also der zweiwertigen logik, galt für die letzen 2000 jahre. buddha lebte in indien, fast 200 jahre früher als aristoteles. der erste schritt seiner lehre bestand darin, die schwarz-weisse welt der wörter zu durchbrechen und die welt so zu sehen wie sie ist. erfüllt mit widersprüchen, mit dingen und nicht-dingen, mit rosen, die sowohl rot sind als auch nicht rot, mit A und nicht-A.

man findet dieses unscharfe oder graue thema in alten und neuen östlichen glaubenssystemen, vom taoismus des laotse bis zum modernen zen in japan. entweder-oder gegen widerspruch. aristoteles gegen buddha.

wenn unsere argumente logisch sind, dann bestenfalls, wenn sie fuzzig sind.
ein kleines gedankenexperiment, das auch vor einer grösseren menschenmenge funktioniert:
schliesse kurz die augen und stelle dir ein werkzeug vor. bitte abspeichern.
dann stelle dir ein musikinstrument vor, auch dies bitte abspeichern.
dann stelle dir eine farbe vor. abspeichern. was kommt heraus?

klar doch: ein hammer, eine geige, die farbe rot. warum? nun, dies hat mit telepathie nichts zu tun, es sind lediglich prädispositionen für diese beschreibungen. gehört das nun zur fuzzy-logik? ich würde sagen nein. und wenn du gefragt wirst was ist fuzzy logik, dann dies beispiel: ein mann mit einem hammer in der hand sieht die welt voller nägel. das stimmt manchmal doch nimmer immer.

bruno demattio, geislingen, 18.10.2004






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