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das leere boot


Der chinesische Weise Chuang Tsu schrieb einmal über den perfekten Mann: Wer sich befreien kann von Erfolg und Ruhm, dann verloren sein inmitten der Massen, der wird fließen wie das Tao, ungesehen, ohne Namen und ohne Heimat, ohne Spuren zu hinterlassen: sein Boot ist leer: das heißt kein Egotrip, no ego, no mind, emptiness, Leere.

Und genau das ist das Ziel der Kunst der Selbstdarstellung: Wenn das Konzept Kunst nicht mehr besteht, wird Kunst zur Meditation. Das seIbe geschieht In einer Spiegel-Medita­tion: Du siehst dir über drei Wochen in dieAugen, jeden Tag für eine Stunde: Dann wird plötzlich dein Bild verschwinden: Du siehst dich nicht mehr: Du bist in Meditation.



Dieses Ziel habe ich darzustellen versucht in meiner Performance "NO WATER  NO MOON".
Die Nonne Chijono sucht seit Jahren nach Erleuchtung, Während einer Vollmondnacht reflektiert sich ihr Gesicht auf einem Wassereimer: im selben Augenblick, als der Eimer brach, verschwand ihr Bild und sie wurde erleuchtet. Das Publikum hatte Schwierigkeiten, eine Stunde ruhig zu sein, eine Stunde zu meditieren: ­Performance als Meditation wird dann möglich, wenn beide, Sender und Empfänger, im leeren Boot sitzen: schweigende Rezeption.
In der  anschließenden Diskussion hat sich gezeigt, daß einige Teilnehmer die Performance nur über ihren Intellekt aufnehmen konnten: analysieren,
rationalisieren, rechtfertigen: das große Spiel. Ganz schön bekloppt. Rationalisation ist nur ein anderes Wort, klinischer, für Bullshit.

Ich kämpfe nicht gegen die Gesellschaft, nicht für die Schwulen, nicht gegen die Feministinnen, nicht gegen meine Frau ... für oder gegen ... ich ich ich..; der Egotripper, zu dem WIR alle geworden sind, dank unserer Philosophien, die alle auf Denken basieren, das wiederum Ideale produziert, und im Laufe der Erziehung, der Tradition und unserer Kultur uns das kaputteste Geschenk gemacht hat: unser EGO. In 5000 Jahren haben wir 5000 Kriege geführt, heute noch schlachten wir Menschen und schlagen uns die Köpfe ein im Namen der Religion, des Vaterlandes, des Kommunimus, des Faschismus, des De­mokratismus und vor allem im Namen der Humanität: ein stupides Wort, ein Abstrak­tum. Ich kenne nur human beings, menschliche Wesen, aber Humanität nicht.
Wo ist das Paradies, für das wir kämpfen? Es liegt in dir, doch du verneinst es dir. Du bist das Ziel, du bist der Sucher, du bist der Gesuchte. Die Entfernung zur Ewigkeit be­trägt genau zwei Fuß, 60 Zentimeter, vom Sex-Zentrum bis zum Kopf ... Wir haben unsere tiefer liegenden Zentren vergessen, wir wissen nicht mehr, was es heißt, eine Fundierung zu haben, to be rootet, to be grounded. Was wir heute wollen, ist immer mehr, mehr Dinge, mehr haben. Die Gesellschaft hat sich nur horizontal entwic­kelt und nicht vertikal, nicht in mehr Sein.
Wenn ich über die. Kunst der Selbstdar­stellung spreche, möchte ich, um genauer zu sehen, meine Eingeweide als Objektive benützen. The Guts, das heißt: Kutteln, aus vollem Bauch, mit Saft und Kraft. Dort sit­zen unsere größten Ängste, Frustrationen und energetischen Blöcke. Solange wir un­sere Eingeweide nicht erreicht haben, stel­len wir in der Kunst der Selbstdarstellung etwas dar von äusseren Schichten, aber nicht unser eigentliches Zentrum.

Die Funktionen der Atmung und der Nah­rungsaufnahme sind die zentralsten Akti­vitäten unseres Körpers neben dem sexuel­len Apparat, und Störungen in diesen Be­reichen haben uns zu den größten Charak­ter-Panzerungen geführt. Der Körper als Energiekonzept. Energie aufnehmend und abladenhd,  sich ausdehnend und zusam­menziehend: Orgon-Energie, kosmische Energie, elan vital oder Prana ... Schon der Embryo wird in drei Schichten gebil­det: Das Endoderrn bilden die Eingeweide (zur Regelung unseres Metabolismus) und die Lungen (Atmung als Bewußtseins-Zustand). Das Mesodern ist das cardiovasku­läre und skelotomuskuläre System. Die äusserste Schicht, das Ektoderm, ist unsere Haut, die Wahrnehmungsorgane, das Nervensystem und das Gehirn: verantwortlich für Information in den und aus dem Körper.

Im allgemeinen beschäftigt sich die Kunst und auch die Kunst der Selbstdarstellung nur mit der letzten Schicht: Und das tut auch unsere Gesellschaft. Ich möchte die Kunst der Selbstdarstellung auf dem Level der Eingeweide sehen: das ist unser Zentrum, Existenz, Sein: Um so tiefer du gehst, un so größer der.Abgrund: Ohne Konditonierung zu leben, ohne Ego, ohne Gefühlsblockierungen, ohne den Mechanismus der Selbstrechtfertigung: du, dein Image, dein Picture, no more you, no more Ego.
Das ist das Ende der Reise.­
Das Ende der Selbstdarstellung und der Anfang der Selbstverwirklichung. Erst
dann wirst du bemerken, daß du total offen sein kannst, daß deine Energie frei fließen kann, daß du ruhig und tief atmen kannst, daß dein Körper sich frei bewegen kann.

Freiheit, Grazie und Schönheit sind die natürlichen Attribute eines jeden Organismus. Und, wie Alexander Lowen bemerkt, Freiheit ist die Abwesenheit von inneren Schranken im Fliessen der  Feelings. Grazie ist der Ausdruck dieses Fließens in Bewe­gungen, und Schönheit ist die Manifesta­tion einer inneren Harmonie, die ein sol­ches Fließen hervorbringt.

Von solchem Fliessen ist wenig zu finden in der Kunst. Wahrheit ist nichts anderes
     als sich in seiner Natur ausruhen zu kön­nen. .. Wir sind auf dem Mond gelandet, doch die bio-energetische Exploration in der Kunst erscheint nur mühsam, langsam. . noch nicht tief genug: Sie ist­ wieder auf der Haut gelandet, auf der Peripherie Körperlichkeit, Messungen, Body-Art, Hin- und Herbewegen, masochistische Nummern wie Milch am Boden auflecken, sich auf den Körper schiessen lassen, Verstümellungen, Fasten vor vollem Tisch, tagelang nicht schlafen, long-distance Märsch wie ein olympischer Marathonläufer, Ermüdungsprozesse zur Kunst erklären: Das ist heute vorwiegend auf der Kunstszene zu beobachten: eine innere Verkrampfung, wenig Bewußtsein. Wie ein Asket, der behauptet, er hätte die Angst, den Hunger oder den Sex überwunden. Im Grunde hat er nur seine Energien blok­kiert, oder wie die großen Führer der Ge­waltlosigkeit, die gewalttätig gegen ihre eige­nen Körper waren: eine Stupidität.
Auf der Kunstebene kann man natürlich diese Aktionen rationalisieren, filmen, und vor allem gut verkaufen. Yes, man kann sagen, dass man nur die Perversionen der Gesellschaft widerspiegele.

Doch das ist nur Reaktion, das ist reaktio­när: Diese Gesellschaft lebt auf der Peri­pherie, und so berührt eine Reaktion auch nur die Peripherie. Sie verändert nichts, weil sie nicht das Zentrum berührt. Es ist vor allem viel leichter, intellektuelle Arbei­ten herzustellen, auszustellen und auch zu verscherbeln: Headtripping, wie wir alle sind. Erst aber wenn wir unsere Masken ablegen, wenn wir aus dem Spiel aussteigen, erst dann haben wir unser Zentrum erreicht.

Wir aber haben erbärmliche Angst, unsere Scheiße herauszubrüllen: Ent-Lernen,
Ent-Automatisieren,  Ent-Programmieren ist der Weg zum inneren Wachsen. Ein
Künstler wäre dann der perfekte drop-out, mit der Weisheit eines Weisen und der Unschuld eines Kindes. Erst dann wird die Selbstdarstellung ein Uberfließen von
Energie, das andere stimulieren kann, auch diesen Weg zu beschreiten. Wir sind geboren als Samen, als Möglichkeit
Kohlen machen, Prestige gewinnen, Leitern steigen: drop it. Das Ego wird dabei nur aufgebläht. Auch wenn wir an der Spitze stehen, wissen wir, daß das nur Selbstbefriedigung ist, aber keine Erfüllung unseres Selbst. Eine scheinbar intakte Gesellschaft hält ge­heuchelte Ehrungen in Fülle parat, wenn du parierst. . .

Erfüllung ist eine tiefe Notwendigkeit, und solange sie nicht erreicht ist, missen wir etwas. Das ist das Ziel aller Wachstumsbewegungen, des Growth-Mo­vement, von Esalen bis Poona.

Wie erfahren wir unser Zentrum? Die einfachste, schnellste, stärkste, aber auch
schwierigste Methode ist Selbstaufgabe. Be here now, totally.  Liebe ist der Weg der Aufgabe. Oder wenn du Techniken willst, ein langsamer Weg: die 112 Methoden der Meditation, beschrieben im Vigyana Bhairava Tantra.  Das Zentrum ist unsere Verbindung mit dem Universum. Sartre gebraucht das Wort “in die Welt geworfen zu sein“- der Mensch als Außenseiter, als Fremder . Das ist die Attitüde eines nicht­religiösen Mannes. Ein wirklich religiöser  Mann hat überhaupt keine Religion, kein Glaubenssystem, an das er sich kleben kann. Er lebt im Einklang mit dem Univer­sum, in das er in eine spezielle Dimension hineingewachsen ist, die wir Mensch nen­nen, so wie Hügel, Pflanzen, Tiere und Sterne ... Dann ist er ein Insider,  kein Outsider geworden, bewußt seiner Exi­stenz. Und das ist gemeint mit der spiritu­ellen Suche: eins zu werden mit dem Uni­versum.

Um so mehr sich Zivilisation entwickelt hat, umso mehr hat sich das Kopfzentrum entwickeIt.  Wenn wir eine kaputte Gesell­schaft haben, dann nur, weil wir auf den Kopf ausgeflippt sind und tiefere Schich­ten nicht mehr berühren. Das Herz-Zen­trum ist vereint mit Gefühl, das Nabel-Zen­trum mit Existenz, die schon immer da war und keiner Logik, keiner Interpretation be­darf. Wenn du dein Nabel-Zentrum gefun­den hast, kannst du deine Energie trans­formieren: das kann nur erfahren, nicht verbal ausgedrückt werden. Dann ist es weder wichtig noch notwendig, deine Ener­gie auszudrücken oder zu unterdrücken. Energie ist einfach Energie; neutral, du hast ihr nur die Form gegeben, wenn sie zum Beispiel Liebe wird, Haß, Ärger oder Sex, oder eben auch Kunst. Energie fließt einfach in diese Forrn. hinein, und durch diese Form drückst du dich selber aus.

In der östlichen Psychologie ist das Kriterion Buddhahood, totales Sein. In der weslichen Psychologie ist das Kriterion der Schrei normal zu sein: Die Menge,  die Gesellschaft ist die Norm und nicht die Möglichkeit eines Individuums.

Wenn du  hier ausflippst; wirst du lediglich wieder angepasst an die Menge (oder es wird dir eines verpasst,  Freundchen), im Osten geht die Anstrengung dahin, den Verstand  zu transzendieren, to drop the mind.

Wir haben eine Gesellschaftsstruktur, die unseren eigenen Projek­tionen entspricht: In jeder Sekunde, in jeder Situation­ projizierst du dich:  Du kannst dem nicht entgehen aber du kannst dir darüber bewusst werden. Und solange du dich nicht selbst verändert hast, wird sich deine Projektion nicht verändern: Du    verhältst dich wie ein Projektor, wo deine Birne die Leinwand bildet: Eine Reform deines Selbst ist nicht genug, ebenso wenig genügt es, den Fokus eines Projektors neu  einzustellen. Was gefragt wird, ist eine innere Revolution: Du musst dich verändern, nur dann  hast du einen neuen Film eingelegt, nur dann wird die Projektion eine an­dere sein, und nur dann werden wir eine neue Gesellschaft haben.

Und wenn du die Kunst der Selbstdar­stellung betreibst, dann wirst du plötzlich bemerken, daß sie gar nicht mehr notwen­dig ist: You are you, du bist, was immer du tust, ganz einfach in Meditation. Die Kunst der Selbstdarstellung wurde in die Kunst oder Nicht-Kunst der Selbstverwirklichung transformiert.. . then you give a damn about art, because your boat is empty: Dein Boot ist leer. Of course, as you like it, es kommt auf dich an, es ist dein Leben ..you can accept it you can reject it. Selbst wenn du beim Buchhalter 90:10 wettest: Du verlierst ich gewinne.
 
von swami anand veeresh (bruno demattio)
veröffentlicht mit fotos im feuilleton der STUTTGARTER NACHRICHTEN , 13.10.1979






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